Atomare Stoerfaelle in Japan

Man mag ob der unklaren Faktenlage zu verschiedenen Schlussfolgerungen kommen… die Ereignisse in Japan sind in Gänze als Katastrophe anzusehen. Da hierdurch auch in Deutschland die Diskussion um das Für und Wieder zur Atomkraft erneut angestossen wird und es sich hierbei um ein Thema handelt, welches mich sehr bewegt, im folgenden einge Anmerkungen meinerseits.

Ziel ist es, die vielfach schlichtweg falsch genutzten Begriffe wie Risiko zu klären und eine logisch abgeleitet Entscheidung zu diesem Thema herzuleiten. Für fachliche Erklärungen zur aktuellen Situation sei auf den excellenten Artikel von morgsatlarge wie auch auf die Seite gau-japan verwiesen.

Also….

Die Bewertung der friedlichen Nutzung der Atomenergie kann nur faktenbasiert erfolgen. Wenn wir dies aufgeben, so geben wir jegliche Form von objektiver Einschätzung auf und öffnen Willkür und Irrationalität Tor und Tür. Insofern im folgenden Fakten, deren Diskussion ich in der deutschen Medienlandschaft vermisse.

These: Atomenergie ist riskant.

Antwort: Was ist Risiko? Eine objektive Bewertung von Risiko kann nur erfolgen, so man Eintrittswahrscheinlickeit und (!) Schadensausmass im Schadensfall bewertet und für unterschiedliche Szenarien vergleichend bewertet, also mit einen geeigneten Maßstab normiert.

Wenn man hierfür die entsprechenden Statistiken bemüht und rational und emotionsfrei das objektive Risiko für verschiedene Energiequellen ermittelt, so kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass gemessen in Tote / Jahr * TWh Atomkraft auf einem Niveau mit der Energieerzeugung aus Kohle steht. Letztere mit einigen Zehntausend Toten pro Jahr. Erstere mit seltenen Katastrophen von vielfach größerem Ausmaß.

These: Japan aendert alles

Antwort: Nein. Das Risiko war vorher da und ist auch nach wie vor vorhanden. Wenn es gesellschaftlicher oder (!) politischer Konsens ist, dass der gesamtgesellschaftliche Nutzen dieses Risiko wert ist, so ändert ein Schadenseintritt daran nichts. Man ist dieses Risiko bewusst eingegangen und sollte dementsprechend auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Ist man dies beim Schaden nicht, so hat man sich vorher in die eigene Tasche gelogen.

Was sich eventuell ändern könnte ist a) eine Hinterfragung ob dieses Risiko wirklich von Anfang annehmbar gewesen ist und b) ein Hinweis darauf, dass Verdrängung von Risiken langfristig keine Lösung ist.

These: Das ist ein Super-Gau

Nein. Zumindest gestern abend waren die Unfälle auf der internationalen Skala für Atomunfälle als Stufe 4/5 eingeordnet. Es gibt diverse Vorfälle auch in Europa, die gleich schwer eingestuft wurden. Erst bei einem Unfall der Kategorie 6 / 7 reden wir von wirklich gravierenden Auswirkungen auf Umwelt und Menschen. Dies ist zum Glück erst 1 x passiert.

These: Deutsche AKWs sind sicher denn hier gibt es keine Erdbeben.

Hier wäre ich mir im Hinblick auf den Oberrheingraben nicht sicher. Man bedenke – die Nachbeben in Japan sind stärker als die Auslegungsgrenze der dortigen AKWs.

Weiterhin führt der Ausschluss einer einzigen Fehlerquelle nicht dazu, dass eine Technik per se absolut sicher ist. Gerade bei einer komplexen Technik gibt es viele Möglichkeiten (Vorsatz wie in Tschernobyl; Kombination mehrer sehr unwahrscheinlicher Naturereignisse wie in Japan etc.), die bei der Entwicklung nicht berücksichtigt wurden und welche dann zu größeren Schäden führen können. Terroranschläge, Flugzeugabstürze etc. Dies alles muss in der Risikobetrachtung (s.o.) berücksichtigt werden.

Fazit:

Obiger Text mag auf den ersten Blick atomfreundlich klingen, ist aber letztlich aus rationalen Erwägungen abgeleitet. Kritik ist herzlich willkommen. Und wie stehe ich dazu? Ich bin gegen die Nutzung der Atomkraft und zwar aus folgenden Überlegungen:

  • Die Belastbarkeit oben genannter Risikoabschätzung ist sehr gering. Es liegen nur wenige Erfahrungen aus echten Störfällen vor (zum Glück); theoretische Abschätzungen sind immer hoch kontrovers zu diskutieren. Insofern ist das sog. Konfidenzniveau in meinen Augen nicht ausreichend gesichert.
  • Das heisst? Auch wenn Risikoberechnungen als Ergebnis einen akzeptablen „Body Count“ liefern könnte, so ist die Bandbreite innerhalb eines z. B. 95%-Perzentils immens. Mag man ein mittleres statistisches Risiko der Atomkraft von z. B. 10.000 Personen / Jahr ermitteln (was imho akzeptabel wäre), so können es je nach Interpretation und realer Situation auch um den Faktor 100 mehr oder weniger sein. Also 100 oder 1.000.000 Personen / Jahr. Ist letzter Wert noch akzeptabel? Nein!
  • Endlagerung: Die Suche nach einem Lager wird zurzeit primär politisch motiviert betrieben. Die Anwendung technischer Ausschlusskriterien wie auch eine objektive Analyse der Risikofaktoren finden öffentlich einsehbar nicht statt. Aus diesem Grund wie auch aus dem Grund, dass keinerlei Erfahrungen mit solchen Lagern vorliegen, vertrete ich die Meinung, dass hier mögliche Auswirkungen auf die Umwelt nicht ausreichend sicher abgeschätzt werden können. Im Prinzip gilt das in 1) gesagte.
  • Kommt es wirklich zu einem Störfall der Kategorie 6 / 7, so ist das hervorgerufene Leid groß. Im ungünstigen Fall ist die ganze Welt betroffen; ganze Staatengebilde werden möglicherweise zerrissen oder zerstört. Vom Leid millionen betroffener Menschen ganz zu schweigen…. Die Folgen sind so unfassbar immens, dass durch die Menschheit alles menschenmögliche getan werden muss, um dieses Leid zu absolut 100 % auszuschließen. Ich verlasse also meine oben aufgeführte Argumentation der Risikoabschätzung muss aber gleichzeitig einsehen, dass es sich hier um eine ethisch / philosophisch einzuordnende Betrachtungsweise handelt. Mag jemand dieser Sichtweise nicht folgen, so ist dies von mir zu akzeptieren.

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